Wie ich zum Autofahrer wurde

Vor dem Hintergrund der Initiative „Radentscheid“ in Berlin, der Gründung einer ähnlichen Initiative in Bamberg und nun wo auch hier in München die Grünen auf diesen Zug aufgesprungen sind und einen Radentscheid vorbereiten, erscheint es mir an der Zeit, ein paar Worte dazu zu verlieren, da diese Initiativen ausschließlich den urbanen Kurzstreckenfahrer im Blick haben und weniger eine echte Verkehrswende (welche massiv weniger Kraftverkehr bedeutet) für alle. Das ganze entlädt sich dann in den einschlägigen Social-Media-Kanälen in Grabenkämpfen zwischen den 8-88-Protected-Bike-Lane-Jüngern und den wagemutigen aber egoistischen „VClern“, die nicht an die Kinder denken. Darum geht es mir heute hier nicht. Heute geht es mir um die Verhältnisse auf dem Land, denn dort hat sich in den letzten Jahren auch viel bewegt, die Diskussion über mehr Radverkehr ist auch auf dem Land angekommen. Allerdings werden gewisse Dinge recht hemdsärmelig „gelöst“. Mehr dazu in meiner kleinen Geschichte weiter unten. Wichtig für mich ist die Reisezeit mit dem Rad. Ich fahre Rad nicht weil ich mir kein Auto leisten kann oder weil ich Bäume umarme. Hier in der Stadt ist es das schnellste Verkehrsmittel (Tür zu Tür). Auch wenn es mit anderer Infrastruktur oder auch weniger autozentrierten Verkehrsregeln noch schneller wäre.

Stichpunkt Reisezeit: In der Großstadt ist der zeitliche Unterschied zwischen MIV und Rad auf dem Radweg trotz diskriminierender Ampelschaltungen und dem oft erzwungenem indirekten Linksabbiegen (welches bei geschützten Radspuren der Regelfall ist) vergleichsweise gering, da insbesondere zur Rush-Hour der MIV durch seine eigene Sperrigkeit ausgebremst wird. Auf dem Land jedoch, wo im Regelfall die Verkehrsdichte auch im Berufsverkehr übersichtlich bleibt, macht die Führung des Radverkehrs im Nebenraum zeitlich einen sehr viel größeren Unterschied. Warum eigentlich? Zum einen sind die erreichbaren Durchschnittsgeschwindigkeiten für den MIV höher als in der Stadt – außerhalb von Ortschaften darf schließlich bis zu 100km/h schnell gefahren werden und innerhalb der zumeist kleinen Orte gibt es selten Ampelanlagen, die den Kraftfahrer ausbremsen. Kurz: Mit dem Auto kommt man dort sehr gut voran, um Leute aufs Rad zu bekommen braucht man also gute Argumente. In vielen Werbeprospekten für den Tourismus liest sich das auch alles ganz toll, „xxx km Radwege“, „genießen Sie unsere herrlichen Landschaften mit dem Rad…“ usw., die Wirklichkeit sieht dann aber eher so aus:

Wie ich zum Autofahrer wurde

Wegen der hohen Mieten in München (und der schlechten Luft) bin ich raus aufs Land. Ein kleiner Ort namens Dingenskirchen ist meine neue Heimat. Der Bürgermeister hat in einem Interview der lokalen Werbeblättchens gesagt, dass er „auch Rad fährt“. Hervorragend. Heute muss ich ins Amt. Ich starte in Dingenskirchen auf der Fahrbahn (wenig los, die Berufstätigen haben den Ort schon vor ca. 2 Stunden verlassen) und fahre ca. 200 Meter. Ohne erkennbare Gründe (vorher gings ja auch so) beginnt linker Hand ein benutzungspflichtiger, gemeinsamer Geh- und Radweg. Nun gut, als gesetzestreuer Radfahrer biege ich auf diesen Weg ein – unter Überfahrung einer schlecht abgesenkten Bordsteinkante. Der Weg hat eine Breite von knappen zwei Metern und führt an zahlreichen Einfahrten vorbei. Da man auf dem Dorf ist, wird natürlich „aufgeschultert“ geparkt, so stört man „den Verkehr“ weniger und es kontrolliert eh niemand. Falls derjenige überhaupt weiß, dass das Gehwegparken in Deutschland grundsätzlich verboten ist. Aus einer Seitenstraße tritt nun eine Familie mit 2 Kindern und einem nicht angeleinten Hund auf den gemeinsamen Weg. Erkennbar sind die Menschen erst kurz vor der Einmündung, da diese durch eine mannshohe Kirschlorbeerhecke und die örtliche Anschlagtafel gut verdeckt ist. So ein zwei Meter breiter Weg ist genau richtig für so eine Familie. Ich tingele nun also in weniger als Schrittgeschwindigkeit artig hinter der Familie her (Schallzeichen sind innerorts verboten und auf gemeinsamen Wegen haben Radfahrer Rücksicht auf Fußgänger zu nehmen). Gerade als ich leicht angenervt eine Gesetzesübertretung begehen wollte, indem ich auf die Fahrbahn ausweichen wollte, um die Familie nicht weiter passiv-aggressiv von hinten zu belauern, sehe ich hinter der nächsten Einmündung (oder war es doch nur die Zufahrt zu einem Discounter?), dass der vormals „aus Gründen der Sicherheit“ benutzungspflichtige Radweg plötzlich zu einem Gehweg mit dem Zusatz „Radfahrer frei“ wird. Nach aktueller StVO bedeutet das übrigens Schrittgeschwindigkeit – immer, egal ob da gerade Fußgänger laufen oder nicht. Sehr gut, ab auf die nur spärlich befahrene Fahrbahn! Kaum habe ich die rechte Fahrbahnseite erreicht (unter Überfahrung einer mäßig abgesenkten Bordsteinkante) bemerke ich, dass die Beschilderung aus der Gegenrichtung wohl eine andere sein muss als mir gerade angezeigt wurde, schließlich fahren da zwei Radfahrer mittleren Alters auf ihren Pedelecs munter nebeneinander her. Ich höre noch das der Familie geltende Klingeln, als ich jäh aus meinen Gedanken gerissen werden, weil ein sehr nahes und sehr lautes „huuuuuup“ ertönt. Aus einer herabgelassenen Seitenscheibe erklingt aus weniger als 50cm Abstand das Lied vom „Raaaaddddweeegggg!!1!. Hm, habe ich das Gehwegschild herbeifantasiert? Ich lasse meinen Blick schweifen, der Adrenalinspiegel nähert sich auch wieder dem Normalwert an. Tatsächlich! Dort ist ein Radweg. Diesmal jedoch auf der rechten Seite der Straße. Und natürlich auch wieder als gemeinsamer Geh- und Radweg ausgeführt. Also wieder einmal über eine schlecht abgesenkte Bordsteinkante, welche wohl praktischerweise bereits vor Beschilderung des Gehwegs als Radweg vorhanden war, dient sie doch der leichten Zufahrt zu einem Bauernhof, die resultierenden Sprenkel aus Erde und Heu (könnten auch Fäkalien gewesen sein) auf meiner neuen Hose verbuche ich unter Ambiente. Offenbar stammt diese Straßenseite auch aus einer anderen Bauepoche, wurde jede einzelne Grundstückszufahrt  gepflastert ausgeführt und besonders komfortabel an die Oberkante des Fahrbahnniveaus (also zumindest für Menschen, die quer über den Gehweg möchten) angepasst. Interessiert bemerke ich, wie eng die Grundstücke in so einem Straßendorf sind (Kamele, Kamele, warum denke ich an Kamele?), als mir ein Anwohner bei der Ausfahrt aus seinem Grundstück präsentiert, wie zügig und bequem man auf diesen extra tief angelegten Grundstückszufahrten auf die Fahrbahn ausfahren kann. Das kann jedem passieren, der Ortsausgang ist bereits zu sehen und ab da hat man erst einmal freie Fahrt. Also, nachdem man abermals die Straßenseite gewechselt hat. Jetzt aber! Hinter dem Ortsausgang geht es in eine leichte Linkskurve, der bei Ortsausfahrt eindeutig der Straße zugehörige, benutzungspflichtige, gemeinsame Geh- und Radweg, macht einen engeren Bogen als die Fahrbahn und verschwindet hinter Buschwerk. Führt der Weg auch dahin, wo ich hin will, schießt es kurz durch den Kopf. Wird schon, auch wenn ich von hier die Wegweiser auf der Fahrbahn nicht mehr sehen kann. Auf jeden Fall idyllisch hier, wäre da jetzt nicht diese vergessene (?) Absperrschranke mitten auf dem Weg. Ich komme näher. Ja, hier arbeitet niemand mehr, auf der Tragschicht wachsen erste kleine Birken, die unbearbeitete Kante schlägt kurz ins Kreuz, aber es ist fahrbar. Die Fahrbahn kann ich nun nur noch hören…komisch…klingt so, als ob das Geräusch von weiter oben kommt. Erst einmal einen Gang runterschalten, auf der eher rauen Tragschicht rollt es sich nicht sonderlich effizient. Vielleicht doch noch ein, zwei oder drei Gänge mehr runterschalten, der Anstieg sieht recht garch aus, hatte ich, als ich noch mit dem Auto die 10 Kilometer in die Kreisstadt zurückgelegt habe, nie so bemerkt. In diesem Wäldchen herumzufahren ist ja eigentlich ganz romantisch, sofern die Sonne scheint und man nicht zu einer potenziellen Opfergruppe gehört. Der Anstieg ist geschafft, aber die Fahrbahn weiter unsichtbar. Selbst mein Gehör kann keine typischen Verkehrsgeräusche mehr wahrnehmen, stattdessen höre ich von vorn das gleichmäßige Klacken von Walkingstöcken irgendwo hinter der nächsten Kurve. Walking auf Asphalt ist ja eher ungesund, denke ich noch, als ich spüre, wie mein Vorderrad einen andere Richtung einschlägt als ich eigentlich vorgesehen hatte. Einen Zusammenprall mit den rüstigen Rentnern kann ich durch meine katzenhaften Reflexe gerade noch verhindern, allerdings tragen meine Schuhe nun braun. Und ich will doch ins town…uiuiui. Geht eigentlich gar nicht. Die freundlichen Grüße („man muss hier nicht so rasen!“, „Ramboradler!“) höre ich kaum noch, scheinbar habe ich mir nicht nur den Schuh eingesaut, sondern auch den Fuß angeschlagen, der Schmerz wird etwas stechender und betäubt meine Sinne. Bis in den Nachbarort waren es doch nur 2 Kilometer, meine Stimmung ist etwas eingetrübt. Warum bin ich noch nicht da? Da mein Fuß weiter unangenehm schmerzt, nutze ich die Zwangspause um mein Smartphone zu bemühen. Nur Edge. Auf dem Bildschirm erscheint meine Position irgendwo in einem dunkelgrünen Brei, bunte Linien krakeln sich in weiter Entfernung um meinen blau leuchtenden Standort. Bin ich wirklich richtig? Nach einigen Minuten erhalten die Linien und Punkte auf der Karte auch Namen…ja, der Ort dort oben ist Kleinkleckersdorf, alles gut. Aber warum bin ich so weit weg der von der Staatsstraße? Und warum führt die zarte weiße Linie, auf der sich meine blau leuchtende Positionsmarkierung befindet, in großen Schwüngen durchs Gelände? Es hilft alles nichts, das Landratsamt macht pünktlich Mittag. Also wieder rauf auf den Bock und weiter den Berg hinauf. Ja, schon wieder hinauf. Es rollt sich noch schlechter als vorhin, denn aus Asphalt ist Tragschicht und aus Tragschicht Schotter geworden. Aber wo es rauf geht, geht es ja auch wieder herunter. Tatsächlich, es geht wieder runter! Endlich Schwung holen und den kaputten Fuß (ihr erinnert euch) schonen. Klar, aufpassen muss man, auf Schotter bremst und lenkt es sich eher schlecht und man muss etwas darauf achten, sich nicht noch mehr Ambientesprenkel zu holen, was soll der Beamte im Landratsamt denken…, aber es läuft! Zumindest bis zur Kreuzung mit der Kreisstraße nach Popelshausen. Nachdem „mein“ „Radweg“ wieder in weitem Bogen hin zur Fahrbahn geführt wurde – nicht ohne nochmal die Schönheiten der Topografie auszunutzen – erwartet mich dort statt der in der Stadt üblichen Furtmarkierung (die Staatsstraße ist schließlich eine Vorfahrtsstraße) eine Bonsaiversion des Vorfahrt-Achten-Zeichens. Was soll das? Und warum haben die Fahrer auf der kleinen Kreisstraße ebenfalls ein Vorfahrt-Achten-Zeichen? Aber alles klagen und fragen hilft nichts, hier heißt es den Schwung vernichten und mehr oder weniger anhalten, denn ich fahre ja auf der „falschen“ Straßenseite und muss auch Linksabbieger, die von hinten kommen, vorbeilassen. Wie diese wissen sollen, dass sie entgegen der StVO plötzlich in die gleiche Richtung fahrende und entgegenkommende Radfahrer nicht durchfahren lassen müssen, werde ich eventuell einmal den Landrat fragen. Ich muss ja eh ins Amt. Auto abmelden. Während ich noch über die Verkehrszeichen sinniere nähert sich von gegenüber ein Fußgänger. Dieser quert vor einem Rechtabbieger die Kreisstraße, schließlich hat er ja Vorrang vor diesem. Ich jedoch warte artig weiter, muss ich doch per Beschilderung das einbiegende Auto durchlassen. Versteht der Autofahrer nicht. Er winkt mir, ich möge doch fahren. Na gut, kurzer Blick über die Schulter, ob nicht von hinten jemand einbiegen möchte – nein, alles frei, dann schnell rüber, bevor ich hier noch mehr Unruhe stifte. Hm, stand an der Kreuzung jetzt eigentlich wieder ein Schild, dass diesen Weg für Radfahrer freigibt oder verpflichtet? Ich habe nicht darauf geachtet, weil ich mit der Vorfahrtsfrage beschäftigt war. Der Weg sieht aber ganz gut aus, es gibt wieder Asphalt-Wurzelaufbruchmix. Muss ein Radweg sein. Der Ortseingang naht. Pünktlich mit dem Ortsschild wird auch mein Radweg offiziell beendet. „Ende“ steht da einfach so unter dem bekannten blauen Schild. Bin ich im Film? Hektische Blicke in die Umgebung. Irgendwo muss es doch weitergehen. Und wirklich, auf der anderen Straßenseite erblicke ich wieder ein blaues Radwegschild. Natürlich im gemeinsamen Habitat mit den Fußgängern. Das scheint hier draußen so üblich zu sein. Geselligkeit wird groß geschrieben. Ich wechsle erneut die Straßenseite, zweimal schlecht abgesenkte Bordsteine elegant überfahren, das kann ich inzwischen. Dort angekommen werde ich von einer älteren Dame, welche den Geh-/Radweg fegt, kritisch beäugt. Später schiebe ich dies auf die Verzierungen meiner Hose und Schuhe. Meine Frisur war schließlich makellos. Nach wenigen hundert Metern wird Radfahrern mittels eines gelben Schilds, welches sich zur Hälfte in einer Thuja befindet, eine Umleitung, ich nenne es mal, empfohlen. Ich biege also hart nach rechts in eine nicht einsehbare Gasse. Zum Glück war ich wegen des etwas unruhigen Untergrunds (Kamele) nur recht langsam unterwegs, denn unmittelbar hinter der Ecke erwartet mich ein Drängelgitter. In Grau. Farblich hervorragend an den grauen Untergrund angepasst. Mein weiterer eg führt mich nun über kleine Nebenstraßen, die ich alle nicht kenne, um viele Ecken, die ich auch nicht kenne, durch den unbefestigten Teil des Stadtparks und mitten hinein in die kleine Fußgängerzone. Obwohl hier eindeutig ein Wegweise steht, finde ich ums Verrecken keine offizielle Freigabe, dass hier Radfahrer ihr Rad fahrend benutzen dürfen. Zum Glück ist wenig los, ungefähr ein Drittel der Geschäfte sind zur Vermietung angeboten, ein weiteres Drittel von schnell und billig eingerichteten Läden belegt. Augen zu und durch. Aus der Fußgängerzone kommend kenne ich den Weg ins Amt. Das sind nur ein paar Hundert Meter. Dachte ich. Denn es ist Markttag. Der Platz vor dem Rathaus ist gesperrt. Überall Marktstände und Lieferfahrzeuge, hier und da parken private PKW in der Fußgängerzone. Ich steige ab und schiebe. Es ist ja nicht weit. Endlich, in der Ferne entdecke ich das Landratsamt! Ich springe auf und radele los. Die Zeit wird knapp. 11:20 Uhr. Das reicht. Wo sind hier die Abstellmöglichkeiten für Fahrräder? Las ich nicht erst vor kurzem, dass es inzwischen sogar einen Radverkehrsbeauftragten gibt? Trägt der sein Rad ins Büro? Ich frage einen eindeutig nach Beamten aussehenden Herrn, der gerade aus der Tür des Landratamts tritt. Nach kurzem Erstaunen (sind die Stellplätze so offensichtlich und ich bin zu blöd sie zu sehen?) bedeutet er mit der Hand um die Ecke. Jetzt blicke ich erstaunt. Um die Ecke? Die Autos stehen doch auch alle hier, obwohl kaum Platz zum Laufen bleibt. Gut, ich schiebe mein Rad um die Ecke und erblicke…zwei rostige Felgenbrecher. Fin.

(Geschichte reine Polemik und frei erfunden)

 

Ähnliche Erfahrungen hat auch Bloggerkollege „Radirrwege“ aus Augsburg gemacht. Vermutlich waren wir beide am Wochenende wieder total begeistert von dem, was sich mancherorts Fahrradinfrastruktur schimpft.

 

P.S. In Bayern greift aktuell die „VZ205eritis“ um sich. Ihr wisst schon, die kleinen Vorfahrt-Achten-Schilder. Außerdem sind viele Geh-Radwege außerorts für landwirtschaftlichen Verkehr frei. Bedeutet, dass man sich vom glatten Asphalt nichts kaufen kann, weil der unter dicken Dreckklumpen versteckt ist.

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